Daily Musings

Fluchtschlafen

Ich fühle mich sehr merkwürdig zur Zeit. Einerseits ist alles gut. Viktor und ich sind uns sehr nahe, verbringen viel mehr Zeit als normalerweise miteinander und doch ist eben nichts gut. Meine Angst vor dem Außen und dessen Eingeschränktheit wächst. Vielleicht ist Angst nicht das richtige Wort, es ist eher ein Horror davor eine weitere Maskenauseinandersetzung zu erleben. Die letzte Zeit hat es da einige recht unschöne Erlebnisse gegeben. Anscheinend gehen so einige meiner Mitmenschen davon aus, dass ich keine Maske trage, weil ich sie ärgern will oder um ein politisches Statement zu äußern. Weise ich auf ein Attest hin, wird meinem Arzt prophylaktisch unterstellt, dass er ein Gefälligkeitsattest ausgestellt hat, ganz abgesehen mit welchen Ausdrücken und Worten man mich bedenkt. Schon komisch, der Gesetzgeber hat diese Möglichkeit geschaffen, die Betrieber!nnen der Geschäfte in denen ich einkaufe akzeptieren mein Attest anstandslos, nur meine lieben Mitbürger!nnen haben Probleme. Dabei habe ich es wahrlich versucht, bis ich einsehen musste, dass es nicht geht. Ich hatte in der Stadt eine Panikattacke, dissoziierte, mir blieb die Luft weg und nur dank Viktor, kam ich einigermaßen daraus hervor.

Heute Morgen nun war es mal wieder soweit, ich war mit dem Einkauf dran, denn ich kann nicht alles auf Viktor abschieben, der auch seine Probleme hat. Also wieder einmal eine Nacht voller Alpträume, dann heute Morgen, konnte ich mich kaum überreden aufzustehen. Wie so oft, wenn eine Depressive Episode naht, regiere ich wieder mit Fluchtschlaf. Übrigens kaufe ich mehr und mehr online ein, was ich immer vermieden habe.

Ich schreibe das hier nicht, weil ich Mitleid oder Verständnisbekundigungen, sondern einfach, weil es mir auf der Seele lastet.

Es stimmt, ich stehe so einigen der Maßnahmen kritisch gegenüber, was aber nicht heißt, dass ich mich nicht an sie halten würde. Doch auch hier haben so einige ihre Probleme und sind gleich der Meinung, alle Maßnahmenkritiker!nnen sind auch Coronaleugner!nnen. Wäre wirklich schön mal aus dem Schubladendenken raus und vor allem zu einem freundlicheren Umgangston zu kommen. Meinerseits neige ich nicht dazu Andersdenkenden Idiotie zu unterstellen.

Karin Braun, Jahrgang 1957, geboren in Pinneberg. Floh die Kleinstadt schnell. Es folgten kurze Auflüge in verschiedene Berufe, um schließlich beim Schreiben zu landen. Karin Braun lebt in Kiel und arbeitet als Autorin, Literaturbloggerin, Herausgeberin – kurz: sie macht was mit Büchern.

6 Kommentare

  • annette

    Ach ja, Karin, Fluchtschlafen kenn ich auch! Sobald mir irgendwas zuviel bzw. zu stressig wird, habe ich ein erhöhtes Schlafbedürfnis… hilft manchmal, manchmal nicht. Aktuell warte ich auf die erste gute Nachricht dieses Jahres…
    An die Nasenwärmer hab ich mich inzwischen gewöhnt, hat allerdings ein Weilchen gedauert. Dass es bei manchen nicht geht, kann ich problemlos akzeptieren, genau diese werden nämlich bestimmt nicht die Superspreader sein, sondern auf sich aufpassen! Aber genervt bin ich von Leuten, die noch die Werbung für die Organspende-Ausweise verinnerlicht haben („es ist egal, wie/wo man ihn trägt…“). Also hängt das Ding unterm Kinn oder so. Kontrolliert offenbar keiner mehr. Der Gipfel heute: Ausgerechnet einem Busfahrer (als Fahrgast auf dem Weg zur Basisstation oder Hauptquartier oder wie das heißt) hing der Lappen unter der Nase… nicht dass einer der Kollegen was gesagt hätte! Wohlgemerkt: alles Menschen, die offenbar ziemlich problemlos das Ding auch richtig tragen können und zudem auch meist noch in Rudeln ohne Abstand rumstehen und intensiv kommunizieren… da mach ich immer den größtmöglichen Bogen drumrum!
    Unseren Kaffee müssen wir wohl noch ein Weilchen verschieben… hoffe, dass das Fresco überlebt – ich will im Frühling dort im Garten sitzen! Morgen soll es ja erstmal Schnee geben?
    Liebe Grüße!

    • Karin Braun

      Immer wenn ich die Leute mit den Masken um den Hals herum sehe oder wenn sie als Kinnwärmer missbraucht wird, stellt sich mir die Frage, wie wirksam und gesund so ein durchgesiffter Lappen noch ist, wenn er im Laden halbherzig über Mund und Nase gezogen wird. Bei mir ist es ja nur das Maskendingens, ansonsten bin ich fast nur mit den Leuten in meiner Haushalt zusammen. Das wir noch eine Weile mit dem Kaffee warten müssen, denke ich auch. Eine Freundin, die öfter dort auf der Ecke ist, meinte, dass die aber ganz gut außer Haus abgeben, also besteht Hoffnung. Das mit dem Schnee ist nichts geworden. Eher nieselig, grieselig. Brr. Alles Liebe

  • Gudrun

    Miebe Karin, es ist gerade wirklich nicht leicht, aber sa müssen wir durch. Alle.
    An die Maske habe ich mich gewöhnt, denn sie ist in Sachsen Pflicht im gesamten öffentlichen Raum. Im MRT gabe ich es auch damit überstanden. Schön ist es nicht, aber ich möchte die Zeit jetzt unbeschadet überstehen. Und das wünsche ich allen anderen auch. Ich möchte, dass die Zahlen heruntergehen und dass wir uns alle wieder anders um uns kümmern können, wie das jetzt ist.Es wird sich nichts ändern, so iange bei ein bisschen Schnee Halligalli anfgesagt ist, Garagenpartys stadtfinden oder einige meinen, dass Durchseuchung (was für ein grusliges Wort) mal anders und schneller verlaufen kann und dass man sowieso nicht alle retten kann.
    Ich kaufe auch online, weil ich Herrn E. nicht alles aufbürden kann. Ich selbst bin keine große Hilfe. Ich warte gerade auf zwei Strickbücher von kleinen Buchhändlern aus anderen Gebieten der Republik und finde das in Ordnung. Die wollen auch überleben.
    Schönes gab es aber auch, ich versuche das in den Vordergrund zu schieben. Gestern habe ich einen veganen Brotaufstrich gemacht, der mir so richtig gut schmeckt. Es ist jetzt auch Zeit für Probieren, Ändern, anders Leben. Vieles ist jetzt anders.
    Ich schick dir Grüße in der Norden aus den trüben und grauen Leipzig.

    • Karin Braun

      Liebe Gudrun, sicher müssen wir da durch, aber die Augen vor den Kollateralschäden verschließen und vor der Verrohung im Umgang miteinander bringt auch nichts. Ich befürchte, dass selbst wenn die Pandemie ausgestanden ist, wird sich einiges unwiederbringlich verändert haben. Sehr viele werden ihre Existenzen verloren haben und viele nicht neu aufbauen können. Auch sollte man nicht allzu blind sein, dass einiges schiefgelaufen ist. Siehe Gastronomieschließungen und ganz besonders im Kita-Schulbereich. Da war nicht mal das Geld da um vernünftige Lüftungsanlagen für die Klassenzimmer zu installieren, mal ganz abgesehen davon, dass es für arme Familien viel zu wenig Möglichkeiten gibt, einen Laptop für die Kinder zwecks Digitalunterricht zu erhalten.
      Hier bei uns sind die Zahlen rückläufig, Kiel hat einen Inzidenzwert von 62,9 oder so. Liegt vielleicht dran, dass wir Norddeutschen uns eh nicht so sehr auf die Pelle rücken. 😉 Liebe Grüße zurück.

  • birgit

    ach menno – wäre ich nur in der nähe und könnte dir die einkäufe abnehmen
    ich baue auf die jungen menschen die sich um klima und umwelt kümmern und anderes
    und auf die die angesichts der verrohung deutlich umschwenken und position beziehen
    aber ja – ich bin gerade sowas von froh dass hanna hier ist
    umarm und alles liebe

    • Karin Braun

      Das ist sehr lieb und ich wünschte mir auch, dass du dichter dran wärest. Allerdings möchte ich meinen Einkauf gerne selber machen. Vor allem, weil ich mich ja sehen muss was es gibt und ehrlich gesagt, manchmal muss ich auch einfach vor die Tür und nicht nur zum Ausstinken. Schreibe dir nachher noch eine Mail. Liebe Grüße an Hanna. Umarm zurück

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